Paidosophos ernährt sich nachhaltig_evangelischer Gemeindebrief

Ich bin gebürtige Weiterstädterin und verbinde Weiterstadt mit vielen leckeren Essenserfahrungen. In meiner Jugendzeit lernte ich bei den Pfadfindern, der DPSG in Weiterstadt, dass man mit wenig Geld für große Gruppen lecker kochen und auch die Resten noch kreativ verwerten konnte. Auch Außergewöhnliches, wie Ameisen essen stand einmal auf dem Essensplan. Jetzt bin ich Teamerin der Jugendgruppe des NABU, der NaJu. Zusammen mit der NaJu sammeln wir auch heute noch Äpfel, Maronen und stoppeln (mit Erlaubnis des Bauers!) Kartoffeln auf dem Feld und verwerten sie auch gleich zu Köstlichkeiten, die wir auf dem Lagefeuer zubereiten. Schon sehr früh machte ich mir Gedanken über den Weg, den ein Apfel im Supermarkt macht, während unsere freien Streuobstbäume an der Last der Äpfel zusammenbrechen, weil wir sie nicht sammeln. Während meine Oma noch wusste, wie sie alles konserviert und für den Winter einweckte, hatte ich keine Ahnung mehr was wann bei uns wächst und wie ich mich natürlich saisonal ernährte. Ich verstand mich schon lange nicht mehr als Teil der Natur und habe in meiner Kindheit nicht gelernt mich von dem zu ernähren, was um uns herum zu finden ist und die Chance hat natürlich zu wachsen.

Ich erkundigte mich z.B. auf www.mundraub.org wo ich noch weiteres vernachlässigtes Gemeingut und unsere lokalen Schätze finden konnte, sei es Brombeeren oder Kirschbäume, Maronen oder Bärlauch, es gibt so Vieles, was allen zur Verfügung steht und bei uns ohne Zutun wächst. Genauso ist das mit dem Wildwuchs, das viele als Unkraut entsorgen, wie viel kann man doch aus Löwenzahn, Knoblauchrauke und Brennnessel machen. Dieses Wissen schwindet und schleicht sich langsam mit Hilfe von Sterneköchen wieder in unser Bewusstsein. Das Zitat einer Kräuterhexe brachte mich auch hier zum Umdenken, sie meinte, „dass Nahrhafteste an einem holländischen Kopfsalat ist das Gänseblumenköpfchen, das hier wild wächst und darauf gelegt wird.“

Wir geben also viel Geld aus für wenig Nahrhaftes, das weit her gefahren wird und werfen das Gesunde und Nährstoffreiche in unserer Umgebung auf den Kompost.

Manchmal landet es noch nicht mal auf dem Kompost und wird damit dem natürlich Kreislauf wieder zugeführt, sondern in Plastik eingepackt in der Tonne. Aber es sind Lebensmittel, die unsere Supermärkte hier wegwerfen, weil europäische Vorgaben und ein Datum bestimmt, wann es schlecht sein soll. Die Graswurzelorganisation foodsharing hat es sich zur Aufgabe gemacht dieses Essen zu retten, bevor es weggeworfen wird. Seit einem Monat verwerte auch ich dieses Essen, rette es bevor es in die Tonne kommt und hole einen großen Teil meines Essens von foodsharing Gräfenhausen.

Die Plastikflut in meiner Küche ärgert mich heute genauso, wie der jedes Jahr ansteigende Plastikeinsatz auf unseren Feldern. Mein nächstes Ziel ist es den Verpackungen komplett den Kampf anzusagen. Ich kaufe alles andere was mir noch zum gesunden Leben fehlt mit dem Fahrrad bei Bettina von unverpackt Darmstadt ein, weil alle unverpackt Läden nur regionale und bio Produkte führen.

Vor fünfundreißig Jahren waren die Felder Erholung und Abenteuer für mich, jetzt habe ich Angst die Gesundheit der NaJu Kids zu riskieren beim Kartoffeln stoppeln, die mit Deiquat behandeln werden. Beim Spritzen mit gerade noch erlaubten Glyphosat und Neonikotinoiden riskieren die weiterstädter Landwirte auch weiterhin unverantwortlich die Gesundheit unserer Kinder, weil der Markt es ihnen diktiert. Eine sehr seichte und machtlose Begründung. Bislang konnte mir noch niemand erklären, warum es schon so früh Spargel geben muss. „Ökolandwirtschaft ist in Weiterstadt möglich“ bestätigt mir Prinz zu Löwenstein in einem Telefoninterview, der schon 1993 seinen Hof auf Naturland umgestellt hat und seit dem als Leuchtturm für Ökolandbau in unserer Region gilt. „Spargel und Erdbeeren werden dann gesünder aber natürlich auch teurer.“ Nachhaltigkeit kann in Weiterstadt einziehen, deswegen mache ich mich jetzt für die ALW politisch auf den Weg, um raus aus paradoxen Handlungen zu kommen und hin zu einem natürlichen generativen Umdenken zu führen.

Seit kurzem ist der Landkreis Da-Di Ökomodellregion und Weiterstadt kann viele Fördergelder abgreifen. Die Weiterstädter wollen Ökolandwirtschaft und gutes Essen in Fuß- und Radfahrnähe bestätigt mir die Unterschriftenliste der ALW und Ökolandwirtschaft ist in Weiterstadt möglich. „Bauern sollen sich mit den Bürgern direkt zusammenschließen und zu einem solidarischen Landwirtschaften kommen,“ meint Prinz zu Löwenstein. Durch diese und andere nachhaltige Innovationen ist vieles auch in Weiterstadt möglich, wenn man über die eigene Generation hinaus denkt, der Kraft der kommenden Generation vertraut und sich auf die eigenen generativen Wurzeln besinnt. Den Weg zu einem gewissenhaften verantwortungsvollen Handeln kann jeder und jede nur selber gehen.

Foto: Manfred Nerlich